Maren Strack

Performances + Installationsspacer PerformancesspacerInstallationsspacerVideosspacerAbout spacerPressspacerContact

ICE Lise Meitner


 

 

ICE Lise Meitner
konzipiert im Intercity-Express 202 Frankfurt – Hannover

Mit 17 lief sie Schlittschuh auf dem Wörthsee. Das Kreischen der Kufen. Das Quietschen über dem rohen Eis. Und jetzt, ungleich lauter, das Trommeln, Hämmern, Stampfen, Schlagen ihres doppelkufigen Schlittschuhs auf Holz und Stahl. Rohe Gewalt. Kein beschwingter Traum auf dem Eis, nur noch kristalline Kälte. Nicht die Eleganz des metallenen Schwungs millimeterdünner Kufen. Nur die Schwere, die Brutalität der eisernen Kothurnen. Während ich hinschaue, und Maren Strack über mich hinweg, geht der Alptraum auf und ab, mit erfrorenen Fingern unter solche Kufen zu geraten, die wie Messer schneiden. Maren Stracks Kufenkunstwerk erschlüge einen, schweres Schuhwerk hämmert auf Kufen, mit Spanten verschweißt.

Ihr Tanz beginnt auf Spitze, also federleicht, nur die Hände in die Hüfte gestemmt. Schon schwerer. Und dann bebt der Untergrund. Nicht sie selbst. Sie denkt unter der Geschwindigkeit ihres Rhythmus‘ an den "ICE Lise Meitner", das Schlagen der Schwellen. Mit starrem Blick tanzt sie, stampfend, stoppt, die Geschwindigkeit der Kufenschuhe erneut steigernd, variierend. Das Schaben der Stahlschuhe über die verschieden gestimmten Holz- und Stahlplatten. Mit dem Schuh betritt sie nichts, sondern tritt. Der Fuß schlendert nicht, er schleift und reißt den Ton von der Platte. Der Schritt federt nicht, er läßt den Untergrund federn, vibrieren, erzittern, auch ihren Körper, den Haarzopf, die Hosenbeine, wobei die Finger wie unbeteiligt diesen Tanz seltsam leicht zu dirigieren scheinen. Die Hände suchen Halt irgendwo in der Luft, finden ihn in der Haltung der Eisläuferin von einst. Der Zuschauer, der sich unter der Regelmäßigkeit des Staccatotrittes im Eisenbahnabteil wähnte, sucht selber Halt: Im Rhythmus. Folgt immer körperlicher ihrem Körper, der sich zum Galopp beschleunigt, auf der Stelle bleibend, bis der Tanz in den Kopf steigt, bei ihr mit Blut, in meinen durch die immer vollkommenere Einheit von Rhythmus und Tanz, archaischem Pferdegetrappel, Phantasiegebilde evozierend, das Pfeifen einer weichenüberdonnernden Lok, Wellenbrecher, die mit Wucht gegen Stahlspanten schlagen, klirrende Schwerter und plötzlich, wenn unvermittelt Stille eintritt, im Echo, leise, das Schaben der Kufen über der vereisten Wörthsee.

(Arnd Wesemann)

 

Kreuzberg 2001
>>>zurück